Alice Feeney – Manchmal lüge ich

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Meistens bin ich skeptisch, wenn ich ein Buch geschenkt bekomme. Das Cover von Alice Feeneys „Manchmal lüge ich“ schreckte mich ab: Ich vermutete eine Liebesgeschichte, keinen spannenden Thriller. Der Satz man solle das Buch nicht nach dem Einband beurteilen, passt bei Feeneys Debüt, wie die Faust aufs Auge.

Jeder kennt sie. Die Lügen, ihr Konzept, ihre Verstrickungen. Jeder von uns hat schon einmal gelogen. Handelt es sich in Feeneys Roman doch um die Lüge in all ihren disparaten Formen: die Notlüge, die Unwahrheit, die Täuschung, der Betrug, die Lebenslüge,… Ich könnte diese Liste beliebig lang fortsetzen. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Lügenthematik in Literatur (Baron Münchhausen) und Film (Lie to me) bis heute große Erfolge verzeichnet.

 „Vorsichtig gehe ich über einen Teppich aus Lügen, will sie nicht aufwirbeln.“

Feeney packt diese Lügentaten in ein neues, gar ungewohntes Setting und erzählt die Geschichte aus der Perspektive einer Frau, die im Koma liegt. Amber Reynolds heißt die Komapatientin, die apathisch in ihrem Krankenhausbett liegt und dem Leser ihre Geschichte, und periodisch immer wieder genau drei Wahrheiten über sich, preisgibt.

Amber bekommt die Gespräche um sich herum mit. Die Worte ihrer Schwester, ihrer Eltern, ihres Mannes, der Krankenschwestern und der Ärzte. Alles erscheint gewöhnlich. Unterschwellig wird beim Lesen bewusst, dass die ruhige Atmosphäre etwas Trügerisches in sich birgt. Düstere Vergangenheiten und Geheimnisse werden aufgedeckt. Zumal die Fassaden der Menschen, die Amber umgeben, so perfekt sind, wie sie sich innerlich als perfide erweisen.

„Ich bin auf meine Werkseinstellungen zurückgesetzt worden, eher menschliches Etwas als menschliches Wesen.“

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Nach einer Zeit muss man als Leser feststellen, dass man sich in einem Netz aus Wahn, Wirklichkeit und Lügen befindet. Im Lauf der Geschichte erwies sich vieles, was ich vorher angenommen hatte, als falsch und ich begann zu hinterfragen. Sogar die Existenz einzelner Figuren. Und über allem schwebt die Frage, wie es überhaupt dazugekommen ist, dass Amber Reynolds im Koma liegt. War es wirklich ein selbstverschuldeter Unfall? Ihr Mann? Ein Unbekannter?

Die Suche nach dem Schuldigen ist – aus meiner Sicht – in „Manchmal lüge ich“ eine literarische Glanzleistung, da sie aus einer ungewöhnlichen Perspektive geschildert wird: Wie soll man einen Schuldigen fassen, wenn man im Koma liegt?

 „Die Leute halten Gut und Böse für Gegensätze, aber sie irren sich, es sind nur zwei Reflexionen derselben Sache in einem zerbrochenen Spiegel.“

Alice Feeney erzählt die Geschichte auf drei analogen Ebenen: Ambers Gedanken („Jetzt“), die Tage vor dem Unfall und dem Koma („Zuvor“) und Tagebucheinträge aus der Kindheit („Früher“). Am Ende der Geschichte sorgen die Tagebucheinträge beim Leser für eine böse Überraschung. Und dabei sind diese nicht die einzige unerwartete Wendung, die die Geschichte in ihrem Verlauf nimmt.

Alice Feeney erschafft mit „Manchmal lüge ich“ einen düsteren Thriller. Die kurzen Kapitel mit den wechselnden Zeitebenen geben ein schnelles Tempo vor, das dazu verleitet das Buch zu verschlingen. Man schenkt der Protagonistin schnell sein Vertrauen, umso erstaunlicher ist es dann, wenn man feststellt, dass man genau dieser erzählenden Stimme nicht mehr hundertprozentig Glauben schenken kann.

Feeney schöpft mit Amber Reynolds eine unzuverlässige Erzählerin, wie sie im Buche steht. Die mit ihren Neurosen, ihrem labilen Narzissmus und ihren Psychoticks, der Geschichte einen unangenehmen Beigeschmack gibt. Immer wieder zweifelte ich am Geisteszustand der Protagonistin. Und am Ende passt dann alles – scheinbar – wie ein Puzzle sauber zusammen und ergibt einen unverhofften Sinn.

„Es scheint mir jetzt wichtig zu sein, dass ich in Zeit und Raum erstarre, bis ich mich erinnern kann, bis es Sinn ergibt.“

Mein Freund hatte tatsächlich unter meinem Lesezwang zu leiden. Nachdem die Geschichte ins Rollen gekommen ist – es hat ein bisschen gebraucht – konnte ich „Manchmal lüge ich“ über mehrere Stunden nicht mehr aus der Hand legen. Beim Lesen hatte ich die unterschiedlichsten Theorien, und doch wurde ich jedes Mal von Feeney eines Besseren belehrt. Immer wieder riss mich ein Plotttwist unter einem aufgeregten „Was?!“ meinerseits aus der Fassung und Dario aus seinem Mittagsschlaf.

Selten kommt es vor, dass ein geschenktes Buch meinen Geschmack trifft. Aber Anastasia: Danke! Das Buch hat alle meine Sinne verführt und mich positiv überrascht. Eindringlich und mit einer verstörend schönen Kinderliedmotivik geschrieben, hat es die Autorin geschafft in einer ruhigen Atmosphäre, einen bedrohlichen Unterton zu kreieren. Auch das hohe psychologische Niveau, betrachtet man die Metaebene des Thrillers, hat mich gefesselt und interessante Gänsehautmomente hervorgerufen. Jedoch hat mir der große Paukenschlag am Ende gefehlt.

Dennoch freue ich mich unheimlich auf die Verfilmung des Thrillers (die Filmrechte sind schon verkauft). Feeney etabliert sich – meiner Meinung nach – mit ihrem Debüt als eine virtuose neue Erzählstimme im Genre des Thrillers.


„Manchmal lüge ich“ gibt es beim rohwolt Buchverlag oder hier bei Amazon.


 

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