Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek 4

„Die unheimliche Bibliothek“ von Haruki Murakami ist eine verdächtig einfache Lektüre, deren Tiefe sich nicht unbedingt schon beim Lesen erschließt. Mit der gewohnten Leichtigkeit jongliert der Autor dabei mit der Sprache und formt sie zu einem skurrilen und zugleich einfühlsamen kalten Märchen mit feinen Details, unterschiedlichen Ebenen und einem sehr nachdenklichem Ende. Mit einfachen Worten erschafft er eine Welt, die auf den ersten Blick normal zu sein scheint. Ein Buch, das auf keinen Fall mein Regal wieder verlassen wird.

Ein Rätsel: Irgendwo, irgendwann betritt ein Junge, mit sehr merkwürdigem Literaturgeschmack, eine Bibliothek. Er sucht nach einem Buch über die Methoden der Steuereintreibung im Osmanischen Reich und wird in das Zimmer 107 geschickt. Ein alter, dämonischer Bibliothekar scheint dort schon auf ihn gewartet zu haben. Gemeinsam mit dem Alten verschwindet der Junge im dunklen Bauch der Bibliothek, wo der Junge in einem Lesesaal, seine Bücher auswendig lernen soll. Doch der merkwürdige Diener des Greises, ein Schafsmann, legt dem Jungen Fußfesseln an, um ihn so in dem tristen Leseverlies gefangen zu halten.

„ ‚Wohin gehen wir?‘ – ‚In den Lesesaal. Du bist doch hier, um zu lesen, nicht wahr?‘ Der Schafsmann ging mir voraus durch einen schmalen Korridor. Der Alte folgte uns. […] ‚Nun denn‘, sagte der Schafsmann und blieb am Ende des Korridors stehen. ‚Wir sind da.‘ – ‚Einen Moment bitte, Schafsmann‘, sagte ich. ‚Ist das hier vielleicht ein Verlies?‘ – ‚Ja, genau‘, sagte der Schafsmann und nickte. ‚Natürlich‘, fügte der Alte hinzu.“

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek 5

Nicht nur die Bücherei wird für den Leser und den Jungen zum Rätsel, auch die ungewöhnliche Art seiner Gefangenschaft. Es gibt Donuts und gutes Essen, außerdem ein stummes Mädchen, mit dem man sich vorzüglich unterhalten kann. Das Einzige, was der Junge machen muss: Lesen und Lernen. Denn sobald er sich die drei Werke angeeignet hat, möchte der alte Mann ihm danach das Gehirn und somit das Wissen aussagen. Belesene Gehirne sind nämlich besonders lecker.

Trügerisch einfach wird dem Leser alles aus der Sicht des Jungens geschildert. So erscheinen die Gestalten des Schafmanns und des stummen Mädchens weniger bedrohlich, viel mehr werden sie zu Freunden des Jungens. Trügerisch ist auch die Stimmung, die Haruki Murakami in seiner Kurzerzählung erzeugt. Nach kurzer Zeit verspürt man die Frage, was noch Wirklichkeit und was Traum ist. Realität und Fiktion vermischen sich mehr und mehr zu einem kafkaesken Albtraum.

„Deine Welt, meine Welt und die vom Schafsmann. Es gibt Orte, an denen sie sich überschneiden.“

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek 2

Der Junge, obwohl er sich gedanklich dagegen wehrt, folgt nahezu blind jeglichen Anweisungen der Anderen und stolpert so in absurde Umstände, denen er hilflos ausgeliefert ist. Hinzu kommt die daraus resultierende Verzweiflung, die er aus der Angst heraus empfindet, seine Mutter nicht mehr wieder zu sehen, denn der Rückweg durch das geheimnisvolle Labyrinth der Bibliothek scheint für immer verschlossen.

Am Ende bleiben zahlreiche Fragen offen, manche erschließen sich erst im Nachhinein. Konsequent verweigert die Geschichte Antworten auf Fragen und überlässt dem Leser, fast gleichgültig, Sinn und Bedeutung selbst herauszufinden.

„Zugleich hatte sich meine Angst in eine Angst verwandelt, die eigentlich gar keine Angst mehr war. Jedenfalls war diese angstlose Angst letztendlich keine große Sache mehr.“

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Doch das kleine Büchlein „Die unheimliche Bibliothek“ kann noch viel mehr als einen befremdlichen Angsttraum in den Köpfen seiner Leser zu erzeugen, es ist zugleich eine einfühlsame Geschichte von Verlust und Einsamkeit.

Und wer mich kennt, der weiß, dass mich nicht nur die düstere Heiterkeit der Geschichte begeistert hat, sondern auch die Illustrationen von Kat Menschik. Ein Drahtseilakt zwischen Mysteriösem, angsteinflößenden Kellerverliesen und einer von Melancholie durchdrungenen Seelenlandschaft beflügelt die Zeichnerin mit ihrer Fantasie. So wird das Schöne und Rätselhafte des Meisters der kalten Märchen auf eine besondere Art und Weise widergespiegelt. Es stimmt: Dieses Buch ist ein Juwel.

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek 3


„Die unheimliche Bibliothek“ gibt es beim DUMONT Buchverlag oder hier bei Amazon.


 

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