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Trennungen sind blöd. Sie sind wie ein Hackebeil, das in das Leben hineinfährt und wild um sich schlägt und alles um sich herum kurz und klein haut. Danach muss man das blutige Massaker, in dem man sich wiederfindet erst einmal bereinigen. Und es fühlt sich genauso an, auch wenn natürlich nicht das ganze Leben vorbei oder kaputt ist. Doch die Dinge, die etwas mit Liebe zu tun haben, werden beherrscht von Superlativen. Man erzählt Freundinnen, Freunden und der Familie vom „perfekten Partner“, den man gefunden habe. Sowieso ist sie „die schönste Frau der Welt“ oder er ist „der Mann, nach dem ich schon immer gesucht habe“. Liebe ist ein extremes Gefühl, das einen auf – meist – wundervolle Art und Weise an den Rand eines großartigen Wahnsinns treibt, in den man sich mit dem anderen hineinfallen lässt.

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Doch auch Trennungen haften dementsprechend Superlativen an. Wie oft sitzt man mit einer verheulten Freundin auf dem Sofa und hört sich an, dass er „das größte Arschloch der Welt“ sei? Wie oft sitzt man in der Kneipe mit einem Kumpel, der dir detailliert schildert, wieso sein Exfreund sowieso selbst schuld sei und schon sehen wird, was er ohne ihn mache?

Das sind ganz natürliche Prozesse, die in einem ablaufen.
Abnabeln, versuchen zu überleben, versuchen aus dem Loch herauszukrabbeln, in das man hineingefallen ist. Manchmal laufen die Prozesse auch schon während der Beziehung ab, und das ist auch okay so.

Doch auch noch eine andere Seite ist ganz typisch. Die Abrechnung mit sich selbst.
Das kommt öfter vor, wenn man verlassen wird, als wenn man verlässt. Ist aber dennoch ein Standardprozedere, das dabei immer anfällt. Generell kann man sagen: Würden wir mit unseren Freunden und Bekannten so sprechen, wie mit uns selbst, wären wir alle sehr einsame Menschen. Oder würdet ihr einer Freundin, die ihr Studium in den Sand gesetzt hat, sagen: „Weil du zu dumm bist, ganz klar.“? Würdet ihr in der Umkleide zu ihr sagen: „Boah, dein dicker Arsch passt nicht mal mehr in ´ne Größe 40“, oder „Damit siehst du aus wie eine Presswurst.“ Wohl kaum. Wieso? Weil wir die Gefühle der Menschen, die wir lieben nicht verletzten möchten. Bei uns selbst hingegen sehen wir das komischerweise nicht sonderlich eng.

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„MUSST DU IMMER SO KOMPLIZIERT SEIN?“

Wenn man verlassen wird, kommt das oft erst einmal als Bankrotterklärung an einen selbst an. Der Mensch hatte sich doch in einen verliebt und jetzt möchte er dich nicht mehr? Zurückweisung ist eines der fiesesten Gefühle, denen man ausgesetzt sein kann. Meist beginnt dann eine schonungslose Fehlersuche bei sich selbst. Wenn ich verlassen werde, springt in meinem Kopf immer direkt die Kritik-Spirale an. „Hättest du dich mal mehr angestrengt.“, „Musst du immer so kompliziert sein?“, „Nörgle doch nicht so viel an ihm herum.“, „Naja… Du hättest zuletzt echt öfter ins Fitnessstudio gehen können, schau dich mal an. Du hast dich gehen lassen.“ Hierbei ist es absolut irrelevant, wieso die Beziehung beendet wurde. Ich wurde wahrscheinlich noch nie verlassen, weil mein Hintern zu dick ist, aber meinem inneren Selbsthass-Festival ist das in diesen Momenten natürlich komplett egal. Statt mich zu reflektieren, mache ich mich selbst zunächst erst einmal runter. Wäre ich eine meiner Freundinnen, ich würde mich selbst nie mehr anrufen.

Nach einer Trennung braucht man Trost und Zuwendung. Und nicht nur von außen, sondern auch von innen. Auch wenn man die Person ist, die verlassen hat. Auch wenn man immer denkt, dass der Verlassene am meisten leidet, leidet der verlassende Mensch nicht unbedingt weniger. Er hat schließlich den schmerzhaften Prozess durchgemacht, zu dieser Entscheidung zu kommen und sofern man kein emotionaler Holzklotz ist, ist so was immer eine schwere und brutale Entscheidung. Meist denkt man währenddessen und auch hinterher: „Ist das die richtige Entscheidung (gewesen)?“

Glaubt jetzt bitte nicht, dass mein innerer Kritiker Ruhe gibt, wenn ich meinen Partner verlasse. Wenn ich gehe, dann meist, weil ich mich ungeliebt fühle und nach etlichen Versuchen aufgebe, meinen Partner zu erreichen. Weil die Kommunikation nicht klappt oder weil die Lebenswege zu unterschiedlich sind. Wenn ich mich nach vielen inneren Kämpfen endlich trenne, fühle ich mich gleich wie eine Versagerin, die jemanden verletzt hat. Wenn ein Freund zu mir kommt und sagt, dass er seinen Partner verlassen hat, sage ich auch nicht „Du Monster!“. Zu mir selbst? Check.

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DER „INNERE KRITIKER“ IST OFT NICHT MEHR ALS EIN INNERER BULLY.

Das Problem an der ganzen Sache ist, dass diese Mechanismen meist unbewusst ablaufen. Wir sind so gewohnt uns im Alltag ununterbrochen runterzumachen und wenig zu loben, dass wir unser destruktives Verhalten gar nicht als destruktiv bewerten, sondern als normal. Als Kind hat man doch schon früh gelernt bescheiden zu sein. Angeber mag niemand. Erst in den Gesprächen mit meinem Freundeskreis und meiner Familie bemerkte ich, wie ich mir einfach standardmäßig wehtat und –tue – und meine Freundinnen und Freunde teilweise dieselben Mechanismen fahren. Und das von morgens bis abends. Dass ich so niemals mit „meinen“ Menschen sprechen würde und jedem, der so mit meinen Freundinnen und Freunden umgeht, so dermaßen den Marsch blasen würde, dass er nur noch so klein mit Hut wäre. So. Klein.

Solange ich zurückdenken kann, habe ich schon immer Probleme mit meinem Selbstwertgefühl. Obwohl ich als extrovertiert und selbstbewusst gelte. Vor ein paar Jahren wurde mir von außen immer gezeigt und gesagt, dass ich nichts richtig mache und wertlos sei, habe ich diesen Umgang mit mir kommentarlos und unreflektiert übernommen und weitergeführt. Viele machen das. Und den Peak haben diese Gefühle eben oft, wenn eine Beziehung zerbricht. Das ist quasi ein Buffet für den inneren Kritiker, der eigentlich einfach nur ein innerer Bully ist. Es gibt Unterschiede zwischen konstruktiver Kritik und fiesem Mobbing, und wenn wir uns das Snickers verkneifen, „weil wir eh schon fett genug sind“, ist das eben Letzteres.

Irgendwie muss das doch auch anders gehen, dachte ich mir. Das Zauberwort aus der Psychologie ist hier der Perspektivenwechsel. Also nahm ich mir vor, in Krisensituationen so mit mir umzugehen, wie ich mit geliebten Menschen umgehe. So habe ich mich mit mir selbst ins Bett gesetzt und überlegt, was ich meinen Freundinnen und Freunden sage, wenn sie verheult bei mir sitzen und gerade verlassen wurden, verlassen haben oder sonst wie von Liebeskummer geplagt sind. Aus diesen Sachen habe ich eine Liste gemacht, die ich immer wieder hervorhole, wenn das mit der Liebe – mal wieder, tadaa – nicht geklappt hat.

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NEIN, DU BIST NICHT DER „SCHEISSIGSTE SCHEISSMENSCH DER WELT“

Nicht nur in Trennungssituationen, aber auch sonst wenn ich mich schwach und klein fühle. Und ich kann das nur empfehlen. Ich stehe echt nicht auf dieses „Vor-den-Spiegel-stellen“ und „Achtsamkeits-Zeug“ und ich hasse diese Tipps, wie man sein Leben optimieren kann und was man tun muss, um ein glücklicher Mensch zu werden. Wie man glücklich wird? Keine Ahnung. Ich lebe zum ersten Mal. Mal schauen, wann ich damit fertig bin, wann ich endlich glücklich bin. Ich weiß jedoch, dass es schon einmal ungemein hilft, wenn man sich nicht andauernd von sich selbst anhören muss, wie scheiße man ist.

Daher: Nehmt euch in schwachen Momenten innerlich in den Arm und sagt euch, dass ihr nicht der schlechteste, furchtbarste und hässlichste Mensch der Welt seid, selbst wenn sich das vielleicht gerade so anfühlt. Seid euch ein Freund oder eine Freundin. Das klappt vielleicht nicht auf Anhieb. Und deswegen tut alles übrigens auch nicht unbedingt weniger weh. Aber es ist zumindest eine Erleichterung, sich in so einer schwierigen Situation – wenn man schon das Gefühl hat, von allen Seiten beschossen zu werden – nicht auch noch selbst ein Messer in den Bauch zu rammen.

Und wenn wirklich gar nichts mehr hilft: Denkt daran, manche Bäume wachsen 1 000 Jahre und werden dann ein Bushido Plakat. Und das ist doch viel trauriger.

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