Solomonica de Winter – Die Geschichte von Blue

carinakarenina
@carinakarenina

Selten war ich von einem Buch so überzeugt, wie von dem Debutroman von Solomonica de Winter. Mit gerade 17 Jahren erschuf sie einen Wolf im Schafspelz. Denn hat man das Buch erst einmal in der Hand, reißt es sein Maul weit auf und verschlingt den Leser, noch bevor er es verschlingen kann.

„Hören Sie zu. Hören Sie sich die Geschichte an von dem dreizehnjährigen Mädchen, das einen Mann tötet. Und eine Frau.“

Die dreizehnjährige Blue ist irgendwie wie die Farbe, die ihr den Namen gibt, kalt und trostlos. Sie ist vom Tod ihres Vaters – Oliver – schwer traumatisiert und wortlos. Sie redet nicht, kein Wort, weil ihr die Worte fehlen, sie schweigt lieber. Sie wechselt kein Wort – nicht mit ihrer kokainabhängigen Mutter, nicht in der Schule und nicht mit dem Psychologen, für den sie ihre Geschichte erst aufschreibt: „Die Geschichte von Blue“.

„Daisy glaubt, ich hätte nur zum Spaß aufgehört zu sprechen. Doch ich wartete nur darauf, dass jemand mein Schweigen hörte.“

Es nervt Blue ungemein, dass die Erwachsenen sie klein halten wollen, sie soll keinen Ärger machen, nicht aus der Reihe fallen. Sie fühlt sich wohl in ihrem Außenseitertum und das Alleinsein verfestigt sich mehr und mehr in dem kleinen Racheengel. Ihre Hassfantasien schlagen zunehmend in Gewalt um. Ihr einziges Ziel: Den Mord an ihrem Vater rächen und den „Plastikmörder“, den Gangster James, töten. Blue ist mit ihren 13 Jahren ein gebrochenes Persönchen, das nur das Böse und Schlechte kennt. Das Schweigen und ihr Hass sind ihre Rebellion.

In der Hölle, in der Blue lebt, gibt es nur einen einzigen Lichtblick: Der Roman „Der Zauberer von Oz“ von L.F.Baum. Es ist ihr wichtigster und kostbarster Besitz, denn ihr Vater hat ihr es geschenkt. Den Inhalt nimmt Blue für bare Münze. So oft es eben geht, flüchtet sie sich in die Traumwelt von Oz. Sie ist regelrecht von dem Buch besessen. Sie kann es gar nicht oft genug lesen. Sie markiert darin Stellen, macht sich Notizen. Sie und Dorothy sind eins.

„Wusste sie denn nicht, dass mich dieses Buch am Leben hielt? Wusste sie nicht, dass jedes einzelne Wort darin eine Blume der Hoffnung war, die in meinem Hirn spross? […] Draußen drückte ich das Buch fest an meine Brust, meine persönliche Bibel.“ 

Ich mag die Art und Weise, wie Solomonica de Winter Stimmungen, Orte und Personen beschreibt. Besonders ihre kritische und negative Einstellung zum Leben in so jungen Jahren kann ich sehr gut nachvollziehen. Seit dem Tod ihres Vaters ist für Blue die Welt nur noch böse und schlecht. Mir gefällt es, wie egal Blue die Leute um sich herum sind, wie wenig anspruchsvoll sie ist und mit wie einfachen Sachen sie zufriedenzustellen ist. Und dass es ihr gleichgültig ist, wie und was andere über sie denken.

Blue ist eine krasse Mixtur aus kindlichen Träumen, verletzter Seele und Tötungsfantasien. Ihre drogensüchtige Mutter, das Leben in der Schule und auch die gefährlichen dunklen Randbezirke einer amerikanischen Großstadt sind erschreckend realistisch dargestellt.

„Ich würde aus der Tür spazieren, ein Schwert kaufen und James aufschlitzen. Ich würde ihn mit einem Lächeln im Gesicht aufschlitzen. Seinen Namen mit seinem eigenen, dreckigen Blut an meine Wände schreiben. Und daneben würde ich einen Smiley malen.“ 

Beinahe atemlos habe ich das Buch gelesen. Die Geschichte wird einem zugeflüstert und ist voller MelancholieHassWutLiebeVerzweiflungHoffnungTrauer. Die ganze Zeit über schwankt man zwischen Angst und Mitgefühl für die 13-Jährige Blue, die so unberechenbar, abgeklärt und uneinschätzbar, wie die Konstruktion des Romans ist. Ich finde es unglaublich, wie Solomonica de Winter die Geschichte einer Widerspenstigen in einem Geflecht aus Traum, Psychologie, Sehnsucht, Abgründen und Kollision von Gefühlen schildert. Gerade die repetitiven Elemente die mit einer Eindringlichkeit zunehmende Beklemmung im Leser auslösen, empfinde ich besonders bedeutsam.  Und das alles, verfasst in einer Vielschichtigkeit und einer wortgewaltigen Ausdruckskraft, die kein Nanogramm verbales Fett zu viel hat.

„Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass Leser länger leben. Wenn das stimmte, würde ich so alt werden wie die Sonne.“

Blue hat mich in ihren Bann gezogen. Ganz heimlich schleichen sich ihre emotionalen, teils verständlichen, teils irrational erscheinenden Gedankengänge ins Hirn des Lesers und machen es immer leichter sich in sie hineinzuversetzen. Und dann – gerade wenn man glaubt, Blue kennengelernt zu haben und zu verstehen, man fiebert mit ihren Rachengelüsten mit (Tötet sie James jetzt? Traut sie sich vielleicht doch nicht?) – wird einem im literarischen Sinne, eine schallende Ohrfeige verpasst. Nein, viel eher ist der Schluss ein Fausthieb, der einen zu Boden bringt.

simone_frank
@simone_frank

„Die Geschichte von Blue“ gibt es beim Diogenes Verlag oder hier bei Amazon.


 

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